--- title: "Die Geschichte der „Villa Johanna“ in Stadt Crailsheim" description: "Die Geschichte der „Villa Johanna“ Erbauer der Villa Johanna: Die jüdische Crailsheimer Familie Rosenfeld Im Jahre 1900 ließ ein Mitglied der jüdischen Familie Rosenfeld, Dr. med. Adolf Rosenfeld, ein prächtiges Jugendstilhaus in der Bahnhofstraße errichten. Die Rosenfelds waren eine alteingesessene Crailsheimer Familie gewesen; ihr Ahnherr war Moses Abraham Rosenfeld, geboren 1781 in Crailsheim. Dr. Adolf […]" featured_image: "https://bobyr.de/wp-content/uploads/Villa_Johanna_Crailsheim.jpg" url: "https://bobyr.de/virtuelle-touren/immobilien/die-geschichte-der-villa-johanna-in-stadt-crailsheim/" date_modified: "2026-03-30T12:23:55+01:00" --- ## Die Geschichte der „Villa Johanna“ ### Erbauer der Villa Johanna: Die jüdische Crailsheimer Familie Rosenfeld ![](https://bobyr.de/wp-content/uploads/Villa_Johanna-528x300.jpg)[](https://bobyr.de/wp-content/uploads/Villa_Johanna.jpg)Im Jahre 1900 ließ ein Mitglied der jüdischen Familie Rosenfeld, Dr. med. Adolf Rosenfeld, ein prächtiges Jugendstilhaus in der Bahnhofstraße errichten. Die Rosenfelds waren eine alteingesessene Crailsheimer Familie gewesen; ihr Ahnherr war Moses Abraham Rosenfeld, geboren 1781 in Crailsheim. Dr. Adolf Rosenfeld, geboren 1858 in Crailsheim, sein Enkel, war der erste jüdische Bürger der Stadt, der es zu akademischen Ehren gebracht hatte. Sein Haus, das Praxis und Wohnung enthielt, dokumentierte damit auch den Aufstieg der einstmals verachteten jüdischen Bevölkerungsgruppe. Noch heute ist der Name „Villa Johanna“ in Stein gehauen über dem größten Fenster des Vorder-Erkers zu sehen. Selbst das Dritte Reich, als die Kreisleitung der NSDAM das Haus für ihre Zwecke umfunktionierte, überstand die Inschrift. Allerdingst konnte sich Johanna Rosenfeld damals nicht lange an dem schön eingerichteten Neubau erfreuen; sie starb bereits 1904 im Alter von 40 Jahren und hinterließ drei unmündige Kinder. ### Ehrungen des Menschen Dr. Adolf Rosenfeld Im März 1908 wurde Dr. Adolf Rosenfeld als Nachfolger von Dr. Drachter Oberamtswundarzt. Im gleichen Jahr hielt er im Gewerbeverein einen Vortrag mit Lichtbildern, welcher der Crailsheimer Photograph Ehmert vorführte, über seine Mittelmeereise im Jahr 1906. Im voll besetzten Saal des Gasthauses zum Falken kam es am Schluß des Vortrags zu einer besonderen Ehrung des Referenten: „Der Aufforderung des Vorstands des Gewerbevereins, Kaufmann Schulz, sich zum Zeichen des Dankes gegenüber dem Herrn Doktor von den Sitzen zu erheben, wurde von den Anwesenden gerne entsprochen.“ So brachte ein Crailsheimer Bürger einen Hauch von Welt in die kleine Stadt, was dankbar anerkannt wurde. Im Ersten Weltkrieg gründete und leitete Dr. Rosenfeld die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz und wurde wegen seiner Verdienste um die Betreuung der Verwundeten zum Sanitätsrat ernannt. ### Der zweite Besitzer der Villa Johanna: Dr. Max Königsberger – Jude, Arzt und Bildungsbürger Als Dr. Rosenfeld 1918 starb, war sein Sohn Hermann […] noch zu jung, um seinem Vater nachfolgen zu können. (Hermann Rosenfeld betrieb nach der erzwungenen Emigration eine Arztpraxis in der USA). Deswegen erwarb der 1886 in Ostpreußen geborene Dr. Max Königsberger die Praxis und kaufte die „Villa Johanna“. Dr. Königsberger, praktischer Arzt und Spezialarzt für Chirurgie und Frauenkrankheiten, erfreute sich wegen seiner Tüchtigkeit und seiner oftmals kostenlosen Behandlungen bei der Bevölkerung großer Beliebtheit. Auch in der israelitischen Gemeinde engagierte er sich, so war er sein 1930 Mitglied des Israelitischen Vorsteheramts. ### Das Streben nach Wissen und Bildung Welchen hohen Stellenwert in dem gutbürgerlichen haus des Arztes das Familienleben und das Streben nach Wissen und Bildung eingenommen haben, das läßt sich aus einem Brief ersehen, den Hannelore Königsberger, die 1919 in Crailsheim geborene Tochter von Dr. Max Königsberger, anfangs der achtziger Jahre an eine ehemalige Jugendfreundin gerichtet hat. Darin stellte sie fest: „Neben einem guten Elternhaus ist eine gute Schule das größte Privileg, das einem jungen Menschen zuteil werden kann.“ Ausdrücklich lobte sie den „ausgezeichneten“ Unterricht an der Crailsheimer Realschule mit Lateinabteilung, der ihr umfassende Kenntnisse in Latein, Geschichte und deutscher Literatur vermittelt habe. ### Bildung ist das Einzige, was bleibt – Alles andere kann über Nacht verloren gehen Aber schon 1934 habe sie die Schule in Crailsheim verlassen und die Chamissonschule in Berlin besuchen müssen. Sie habe während ihrer Emigration in England eine Magisterarbeit über Hölderlin geschrieben und ihn mit seinem englischen Zeitgenossen Shelly verglichen – „man träumt dabei von der Neckar- Landschaft und fragte sich, ob man sie je wiedersehen würde“. So wurde geistige Bildung geradezu überlebenswichtig: „Wir alle, die wir im 20. Jahrhundert geboren sind, haben erfahren, daß man nur das wirklich besitzt, was man gelernt hat und was man in sich trägt. Aller greifbarer Besitz, sei es ein viele Jahrhunderte altes Familiengut, sei es das Sparkonto einer einzigen Generation, kann über Nacht verloren gehen …“. ### Der dritte Besitzer der Villa Johanna: Die Stadt Crailsheim 1936 erwarb die Stadt Crailsheim das Haus in der Bahnhofstraße von Dr. Königsberger für ca. 40 000 Reichsmark, um darin die Reichsarbeitsdienstgruppe 264 unterzubringen. Mit bürokratischer Sorgfalt werden im Ratsprotokoll die Räume des Hauses aufgezählt und die Einzelheiten der Finanzierung dargestellt. In der Crailsheimer Öffentlichkeit galt Dr. Königsberger als ein wohlhabender Mann, dem trotz Verlust seiner beruflichen Stellung kein wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden sei. ### Verlust des gesamten Vermögens des Dr. Max Königsberger Diese das Gewissen beruhigende Annahme widerlegte Dr. Königsberger in einem Schreiben aus dem Jahre 1947, in welchem er den ungenierten Zugriff deutscher Behörden auf das Vermögen jüdischer Auswanderer beschrieb. Sein gesamtes Privatvermögen „von weit über 100 000 M“ sei vom Deutschen Reich einbehalten worden, so daß er sein Vaterland mit „3,89 Dollar“ verlassen mußte. Besonders schwer habe ihn getroffen, daß „die Gestapo auch mein Lift (= Gepäck für die Überfahrt nach den USA) mit allen meinen persönlichen Belangen hat auctionieren (= versteigern) lassen“. Sein Einsatz für Deutschland im Ersten Weltkrieg, „wofür ich das E. K. ( = Eisernes Kreuz) und den Mayerischen Militärverdienstorden erhielt“, habe nichts mehr gegolten. ### „Der Dank für alles, was ich getan habe.“ Die letzten Dienstjahre in Crailsheim – er durfte noch bis 1935 ohne Kassenzulassung praktizieren, weil er Frontkämpfer gewesen war – behielt Dr. Königsberger in schlechter Erinnerung: „Wenn die Ärzte der N.S.D.A.P. – ich brauche hier keine Namen zu nennen – zu faul und zu bequem waren, des Nachts die Patienten zu besuchen“, sei er „10-15 Kilometer in die Umgebung“ hinausgefahren. Schließlich habe er in den USA „unter nicht sehr günstigen Umständen“ ganz neu anfangen müssen. Die Behandlung, die ihm sei 1933 bis zu seiner Überfahrt zuteil wurde, kommentierte Dr. Königsberger nicht ohne bittere Ironie: „Das war der Dank für alles, was ich geleistet habe, … und für alles, was ich den Patienten umsonst getan habe.“ ### Der vierte Besitzer der Villa Johanna: die NSDAP 1939 bezog die Kreisleitung der NSDAP die „Villa Johanna“. ### Nachkriegszeit Das Haus überdauerte den Krieg und wird bis heute als Wohnhaus genutzt. Zitiert nach: Technau, Giselher: „Das war der Dank für alles, was ich geleistet habe.“ Vom Handeln und Leiden jüdischer Bürger im Geschäfts- und Gewerbeviertel der ehemaligen Haller Vorstadt . In: Jüdisches Leben in Crailsheim. Der jüdische Friedhof. Hrsg. Karl W. Schubsky, Heinz Illich u.a. Crailsheim, 1996. Hier S. 50-55. ![](https://bobyr.de/wp-content/uploads/20180325_171858-300x300.jpg)[](https://bobyr.de/wp-content/uploads/20180325_171858-scaled.jpg) ![](https://bobyr.de/wp-content/uploads/20180325_172229-300x300.jpg)[](https://bobyr.de/wp-content/uploads/20180325_172229-scaled.jpg) ![](https://bobyr.de/wp-content/uploads/villa-300x300.jpg)[](https://bobyr.de/wp-content/uploads/villa.jpg)